Foto: Stephan Rumpf

Bilder aus dem Kopf zeichnen

Süddeutsche Zeitung, Leute

Die Bilder hat er alle im Kopf. Er muss sie nur aufzeichnen. Giwan Mose sieht auf den Bildern, wie Soldaten an der türkisch-syrischen Grenze auf ihn schießen. Er sieht, wie er in Homs in ein Straßengefecht gerät, wie er sich auf den Boden wirft und singt, überzeugt davon, dass er sterben wird, während über ihm die Kugeln fliegen. Er sieht auf den Bildern, wie er im Libanon im Gefängnis eingesperrt ist, mit 50 Menschen in einer Zelle. Weil es so eng ist, kann immer nur die Hälfte von ihnen liegen und schlafen, die andere Hälfte bleibt dicht gedrängt stehen. Er sieht auf den Bildern, wie der Lehrer ihn in der Schule schlägt, und wie seine Mutter ihm als Kind verbietet zu zeichnen.

Giwan Mose hat ein fotografisches Gedächtnis. Er erinnert sich sogar an die Farbe der Kleidung, die all die Menschen trugen. Das ist wertvoll, wenn man keine Fotos von seiner Familie und seiner Kindheit besitzt, und wenn das Land, in dem man aufgewachsen ist, in Trümmern liegt. Und es ist hilfreich, wenn man eine Graphic Novel, eine Art Comicroman, über sein Leben zeichnen will, so wie Giwan Mose.

Der 31-Jährige ist Comiczeichner, Englischlehrer, Karikaturist, politisch anerkannter Flüchtling, Syrer, Kurde, Frauenrechtler, Vater einer kleinen Tochter und Künstler. Er fühlt sich mittlerweile in München zu Hause und er möchte Orthopädietechniker werden, um all seinen Verwandten, die im Krieg Beine und Arme verloren haben, neue Gliedmaßen konstruieren zu können. Mose bastelt auch Puppen, es sind Karikaturen von Menschen aus seinem Leben. Mit seiner Frau spricht er Deutsch, mit seiner Tochter Kurdisch und Arabisch. Er singt mit ihr traditionelle kurdische Lieder und tanzt mit ihr dazu. Die erste Sprache, die Mose sprach, war Türkisch, er hatte es aus dem Kinderprogramm im Fernsehen gelernt, sein Dorf lag im Nordosten Syriens, direkt an der türkischen Grenze.

„Eigentlich müsste ich tot sein“, sagt Giwan Mose. „Ich habe so viel Glück gehabt.“ Dann lächelt er vorsichtig. Als könnte er selbst nicht so recht fassen, dass er in einem Café sitzt, im friedlichen München, auf dem Schoß seine kleine Tochter, neben ihm seine deutsche Frau. Erstaunt betrachtet er das Schälchen mit Kandis, das die Bedienung neben seine Teetasse stellt. Brauner Zucker in klumpigen Formen, so etwas ist ihm bisher noch nicht begegnet. Amüsiert lässt er sich von seiner Frau erklären, was es mit dieser ostfriesische Besonderheit auf sich hat. Neben ihm steht der Kinderwagen seiner Tochter, ein Wagen, so bequem, dass er Giwan Mose neidisch macht. Da wäre er gern selbst noch einmal Kind, um mit solch einem Wagen durch die Stadt gefahren zu werden, sagt er. In Syrien ist er mit fünf Geschwistern aufgewachsen, sie lebten in einfachen Verhältnisse. Es gab nicht einmal Papier und Stifte zum Malen. Nun genießt er es, mit seiner Tochter zu spielen und zu toben.

Seit zweieinhalb Jahren lebt Mose in Deutschland. „Es ist meine Heimat geworden“, sagt er. Ein Land, in dem er seine Meinung sagen kann, ohne dafür bedroht oder verfolgt zu werden. Ein Land, in dem er seine Zeichnungen mit seinem Namen unterschreiben kann, ohne Angst zu haben, dafür eingesperrt zu werden. Dabei wollte Giwan Mose eigentlich nie nach Deutschland. Nur durch Zufall ist er in München gelandet. Als Kind hatte er einmal im Fernsehen eine Dokumentation über Hitler und den Zweiten Weltkrieg gesehen, das Bild hat sich in seinem Kopf festgesetzt, das Land hat ihm Angst gemacht.

Eigentlich hatte er auch nie vorgehabt, Syrien zu verlassen. Er war glücklich. Weil er als Kurde zur ethnischen Minderheit gehörte, durfte er zwar nicht offiziell als Lehrer arbeiten, aber er hat Stühle und Tische organisiert, sie in das Haus seiner Eltern gestellt und angefangen dort privat Englisch zu unterrichten, es sprach sich herum und die Zahl seiner Schüler wuchs und wuchs. Davon konnte er leben. Nebenbei hat er Karikaturen und Comics gezeichnet und sie in Ausstellungen gezeigt.

Doch dann brach der Krieg in Syrien aus, zerstörte seine Heimat, säte Hass und Gewalt, die Bedrohungen nahmen zu. Mose sollte als Soldat eingezogen werden, doch er wollte sich auf keine Seite stellen, wollte nicht kämpfen und nicht töten. „Und ich wollte mich nicht von der Armee und nicht von den Terroristen vereinnahmen lassen“, sagt er. Als Künstler war er sowieso verdächtig. Er sprach sich in seinen Zeichnungen gegen jede Form von Gewalt aus, mokierte sich über Autoritäten und über Machtansprüche, karikierte Herrscher und setzte sich für Frauen- und Kinderrechte ein. Schließlich wurde es zu gefährlich für ihn, sein Vater riet ihm, schnell das Land zu verlassen. Um seinem Sohn die Ausreise zu finanzieren, nahm er eine Hypothek auf sein Haus auf.

Mose wollte eigentlich nach Kanada, er sprach die Sprache, schließlich hatte er englische Literatur studiert. Von Kanada hatte er außerdem das verlockende Bild eines multikulturellen Einwanderungslandes. Doch er hatte keinerlei Kontakte dorthin. In seinem syrischen Dorf lebte aber ein Mann, ein Deutschkurde, der Mose einen Studienplatz an einer deutschen Universität vermitteln konnte. So erhielt Mose einen Platz für ein Studium an der Uni Duisburg-Essen. Seine Gedanken damals: „Das ist zumindest schon einmal näher an Kanada als Syrien“, sagt er. Denn seine Pläne, nach Nordamerika auszuwandern, hatte er noch nicht aufgegeben.

Mose konnte Syrien nur über die Grenze in die Türkei verlassen. Dort schossen an der Grenze Soldaten auf ihn. Auch das Erlebnis hat er in einer seiner Zeichnungen festgehalten. Von der Türkei aus flog er in den Libanon, wo er bei der deutschen Botschaft ein Visum beantragen musste. Mit seinem deutschen Studienplatz bekam er auch alle Papiere, doch bei der Ausreise am Flughafen wurde er festgenommen. Ihm wurden seine Ausweisdokumente und das Visum für Deutschland abgenommen. Eine Woche lang wurde Giwan Mose in ein Gefängnis gesperrt, er wurde geschlagen und bekam nichts zu essen. Warum? Das weiß er bis heute nicht. Aber als Kurde sei er in Syrien, in der Türkei und im Libanon immer schon verdächtig.

Fast ein Jahr verbrachte er im Libanon, arbeitete mal als Englischlehrer, mal als Fotograf. Manchmal hatte er etwas zu essen, manchmal nicht. Er wurde krank, schlief meist auf der Straße. Alles, was er verdiente, musste er gleich wieder abgeben. „Insgesamt 8000 Euro musste ich den Behörden zahlen, um meine Papiere wieder zurückzubekommen.“ Warum? Darauf hat er bis heute keine Antwort. „Aber ich hatte keine Wahl“, sagt er. „Ich hatte keine Papiere mehr und mir wurde immer wieder gedroht, dass sie mich wieder nach Syrien zurückschicken würden.“

Als er endlich alle Dokumente wieder in den Händen hielt, konnte er nach Berlin fliegen. Insgesamt 18 000 Euro hat er aufbringen müssen, für seine Reise von seinem syrischen Dorf bis nach Deutschland, von der Vermittlung des Studienplatzes bis hin zu all den Korruptionsgeldern. „Ich musste für jeden Grenzbeamten zahlen und für jedes Papier. Und ich weiß bis heute nicht, warum“, sagt er. Hoch verschuldet landete er in Deutschland. Von jedem Euro, den er seitdem verdient hat, schickt er Geld an seine Familie und Freunde, die ihm etwas geliehen haben.

Über das Internet lernte er andere Syrer kennen, die auch nach Kanada auswandern wollten. Sie schmiedeten Pläne, als blinde Passagiere auf einem Containerschiff mitzufahren. Oder mit einem Schneemobil über das Packeis von Grönland nach Kanada zu reisen. Doch so weit kam er nicht. „Zum Glück“, sagt Moses Frau. „Dann wäre ich wahrscheinlich im Packeis erfroren oder im Containerschiff erstickt“, sagt Mose, und während er redet, beugt er sich hinunter, um ein Spielzeug aufzuheben, das seine Tochter auf den Boden geworfen hat, wohin sie es auch umgehend wieder fallen lässt.

Wenige Monate nach seiner Ankunft in Deutschland hat Mose seine Frau kennengelernt. „Sie hat mir mein Leben gerettet“, sagt er. Als die beiden heirateten, war seine Familie nicht dabei. Seine fünf Geschwister und seine Eltern sind alle in Syrien. Mose hat auch eine Puppe gebastelt, die aussieht wie seine Oma Nora, seine geliebte Großmutter, eine gebildete Frau. Wenn seine syrische Familie weit weg ist, begleiten ihn so wenigstens die Puppen durch sein neues Leben in Deutschland.

Mose spricht Kurdisch, Arabisch, Türkisch, Englisch und Deutsch. Er hat Abitur gemacht, englische Literatur in Syrien studiert und als Englischlehrer gearbeitet. Er hat im Deutschkurs den B2-Abschluss bestanden, es ist das Niveau, das Voraussetzung ist, um in Deutschland eine Ausbildung zu machen. Sein Antrag auf politisches Asyl wurde anerkannt. Er hat ein Praktikum in einem Altenpflegeheim gemacht. Er würde gerne eine Ausbildung als Orthopädietechniker anfangen, vielleicht noch einen Masterstudiengang, und falls das nicht geht, dann wenigstens eine Ausbildung als Altenpfleger. Doch nun wird sein syrisches Abitur in Bayern nicht anerkannt. Weil er nur eine beglaubigte Kopie besitzt, aber kein Original. Das Original ist, wenn es überhaupt noch existiert, irgendwo in Syrien. Doch ohne die Anerkennung darf er noch nicht einmal eine Ausbildung anfangen. Um Geld zu verdienen, räumt er Regale im Supermarkt ein, verteilt Zeitungen und arbeitete als Komparse für Filme. Und er zeichnet, im Sommer am liebsten an der Isar. Auch wenn er noch nicht weiß, wie er so etwas in Deutschland angehen kann, wünscht er sich, seine Geschichte eines Tages als Graphic Novel zu veröffentlichen.

Doch Moses größter Wunsch ist, dass der Krieg in Syrien endet. Seit dreieinhalb Jahren hat er seine Familie nicht mehr gesehen. „Ich möchte noch einmal in meinem Leben meine Mutter und meinen Vater sehen. Ich möchte ihnen so gerne meine Frau und ihre Enkeltochter vorstellen“, sagt Mose. „Doch ich glaube, es wird nicht klappen. Sie können Syrien nicht verlassen, und ich kann dort nicht hin.“