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Warum zu viel Sicherheit riskant ist

Süddeutsche Zeitung, München

Jürgen Einwanger, 51, leitet die Akademie des österreichischen Alpenvereins und ist dort Bildungsreferent für die Jugendarbeit. Der Pädagoge und Vater von drei Söhnen plädiert dafür, Kindern wieder mehr zuzutrauen. An diesem Freitag hält er beim Fachtag des Kreisjugendrings und der Katholischen Stiftungshochschule in München einen Vortrag.

SZ: Sie fordern mehr Mut zum Risiko. Das klingt nicht so, als könnten Eltern Ihnen ganz beruhigt ihre Kinder für eine Bergtour anvertrauen.

Jürgen Einwanger: Wenn ich Mut zum Risiko fordere, fordere ich nicht Mut zur Gefahr. Es geht nicht um Fahrlässigkeit und es geht auch nicht um Bedrohung der Existenz. Es geht darum, dass immer, wenn wir im Leben etwas Neues und damit bisher Unbekanntes lernen, wir ein gewisses Risiko der Enttäuschung und des Scheiterns eingehen. Kinder, die nicht gelernt haben, dass auch mal etwas schiefgehen kann, leben viel unsicherer und sind später schneller überfordert.

Wie kann man Kindern Mut zum Risiko antrainieren?

Kindern muss man diesen Mut nicht beibringen. Sie haben in der Regel Mut zum Risiko, sind neugierig, explorativ und risikobereit. Es geht eigentlich darum, mit Eltern und Pädagogen daran zu arbeiten. Daran, dass meine eigenen Ängste nicht die Entwicklung von Kindern behindern dürfen. Ein gutes Beispiel ist, wie Kinder gehen lernen. Das ist immer ein Stürzen, ein Wiederaufraffen, ein Weitergehen. Es ist ein Prozess, der mehrere Monate dauert. Dabei werden die Kinder in der Regel gut begleitet. Die wenigsten Eltern erschrecken, wenn ihr Kind sich das erste Mal aufrichtet, obwohl sie wissen, es wird jetzt auch mal hinfallen. Wir müssen Kindern auch danach Erfahrungen zugestehen, bei denen sie scheitern, hinfallen, sich verletzten können. Doch diesen Mut zu haben, das fällt vielen Eltern schwer.

Also eigentlich müssten die Erwachsenen sich mehr Mut zum Risiko antrainieren?

Die allermeisten Eltern und Erwachsenen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, wollen nur das Beste für sie. Aber viele sehen sich in gesellschaftlichen Ängsten und juristischen Grenzen gefangen. Das Totschlagargument ist oft: Wenn ich Kinder und Jugendliche begleite, dann stehe ich mit einem Fuß im Gefängnis.

Und stimmt das?

Natürlich haben sich juristisch viele Dinge verändert, aber diese Ängste sind völlig überzogen. Auch in den Medien gibt es die Tendenz darüber zu berichten, wenn sich zum Beispiel ein Kind im Kindergarten verletzt und das Gericht tätig wird. Aber niemand berichtet von den anderen Tausenden Verletzungen in einem Kindergartenjahr, bei denen die Eltern sagen, das kann passieren, das gehört dazu. So generiert sich eine zunehmende Problemwahrnehmung. Eine weitere Tendenz ist, dass wir als Erwachsene omnipräsent sind.

Was bedeutet es für Kinder, wenn Erwachsene immer dabei sind?

Wenn wir an unsere eigene Kindheit denken, erzählen viele Erwachsene, dass sie mittags das Haus verlassen haben und abends wiederkamen. Dazwischen waren sie unbeaufsichtigt, in der Gruppe, sind herumgestromert, haben Dinge getan, die einem als Kind und Jugendlicher so einfallen. Heute ist das eine 24-Stunden-Betreuung geworden. In vielen Situationen, in denen wir eigentlich Kindern und Jugendlichen zugestehen sollten, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, sich auszuprobieren, ist heute ein Erwachsener dabei, der aufgrund seiner Ängste oder seiner Aufsichtspflichten glaubt, frühzeitig intervenieren zu müssen. Und damit werden ganz viele Erfahrungen gar nicht mehr möglich.

Sollten Eltern ihre Kinder mehr alleine losziehen lassen?

Spätestens an dieser Stelle müssen wir eine Differenzierung einführen, um das nicht sozialromantisch zu verklären. Es gibt auch viele Kinder und Jugendliche, die vernachlässigt sind. Deren Eltern sich gar nicht um sie kümmern, und die alleine unterwegs sind. Das ist nicht nur positiv. Ich habe lange in der stationären Jugendhilfe gearbeitet und viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun gehabt, die unter der Vernachlässigung gelitten haben.

Und die anderen, die Helikopter-Eltern, woran liegt es, dass sie immer dabei sein wollen?

Die Zeitschemen von Eltern sind anders geworden. Heute gibt es meist einen Elternteil, der Zeit hat. Das ist ja prinzipiell auch schön. Ich kann das als Vater auch genießen, wenn ich mit meinen Kindern gemeinsam unterwegs bin. Hinzu kommt, dass man heute meist nicht mehr fünf Kinder hat, sondern vielleicht nur eins. Der ganze Aufmerksamkeitsfokus richtet sich dann auf dieses eine Kind.

Aber in einer Großstadt wie München ist es eher so, dass Kinder nachmittags in der Kita, der Schule oder dem Hort sind.

Wenn es die Eltern nicht abdecken, dann gibt es im Normalfall die professionellen Strukturen. Dort gibt es meist noch weniger Freiraum. Das ist ja alles nicht nur schlecht. Wir müssen uns nur überlegen, was diese ständige Beaufsichtigung mit den Kindern macht. Auch im Kindergarten, im Hort, in der Jugendarbeit, habe ich ganz viele Möglichkeiten, Kindern wieder ganz viel zuzutrauen. In Finnland gibt es auch die Ganztagsschule, aber dort lernen Kinder auch, mit gefährlichen Werkzeugen umzugehen, Feuer zu machen, und draußen zu schlafen. Da ist das Lernen auch sehr durch ihre Neugierde bestimmt.

Und wie erleben Sie das in Österreich oder Deutschland?

Bei uns erlebe ich oft, dass, wenn man einem Kind ein Taschenmesser gibt, tausend Ängste kommen. Das Kind könnte sich ja schneiden. Wer erlaubt heute noch ganz normale Alltagserfahrungen? Wenn ich aber nie ein Messer zum Karottenschneiden in der Hand habe, nie riskieren darf, mir auch in den Finger zu schneiden, lerne ich das nie und muss es als Erwachsener nachholen. In vielen Fällen werden Verletzungen dann schwerwiegender oder die Erfahrung vermieden.

Was können Kita, Schule oder Hort dabei leisten? Sie können ja in München nicht mit einer Kitagruppe einen Berg besteigen oder auf dem Spielplatz ein Feuer entzünden.

Es geht dabei nicht nur um Extremsituationen, sondern auch um ganz viele Alltagserfahrungen, die wir nicht erlauben, bei denen die Kinder aber lernen könnten, mit Risiken umzugehen. Kinder bewegen sich gerne, probieren gerne aus, arbeiten, basteln, haben gerne Werkzeuge. Und Kinder müssen wieder raufen dürfen, ohne dass sofort ein Mediator, ein Erwachsener, dazwischen geht. Sie sollten die Möglichkeit haben, Höhe zu erforschen. Wenn Kinder heute irgendwo hochklettern, dann liegen da vier Matten drunter. Und die Höhe, die erklettert werden kann, ist oft nicht so hoch, dass ein Kind von sich aus sagt, das wird mir zu riskant, ich treffe nun die Entscheidung, umzukehren.

Ist es für Sie ein Graus, Zeit auf einem Spielplatz zu verbringen?

Inzwischen kann man ja von Sandplatzcoaching sprechen. Es ist ja praktisch pro Kind mindestens ein Elternteil anwesend. Manche Eltern sitzen mit im Sandkasten und anstatt, dass sie die Kinder miteinander spielen lassen, spielen sie Sandburgbauen mit den Kindern. Da ist kein böser Gedanke dabei. Man muss sich nur überlegen, was verhindere ich gerade. Wenn Spielplätze dann auch noch so gebaut sind, dass fast nichts mehr herausfordernd ist, dass alles nur noch sicher ist, dann muss man sich fragen, ob dieser Spielplatz seinen Zweck erfüllt. Die meisten Spielplätze haben wenig Potenzial, an dem Kinder sich ausprobieren dürfen. Und wenn sie es haben, dann sind immer sofort die Eltern da, die das eingrenzen. Und die dem Kind schon vor dem eigenen Limit ein Limit setzen.

Sind Eltern heute Spielverderber?

Eltern wollen nicht Spielverderber sein. Sie wollen das Beste für ihre Kinder. Nur ist es manchmal schwierig zu definieren, was das Beste ist. Und viele Eltern glauben eben, sie müssten ständig Orientierung vorgeben und verderben damit spielerische Lernerfahrungen.

Je weniger Einmischung, desto besser?

Es geht nicht darum, dass ich mich als Erwachsener völlig ausklinke. Kinder brauchen auch Orientierung, aber sie brauchen auch den Freiraum, um sich auszuprobieren. Das Schlimmste ist, wenn Eltern angerannt kommen und erklären, wie das Kind am Klettergerüst hochklettern soll. Das klingt banal, aber das macht einen großen Unterschied, ob Eltern die Lösungen vorgeben oder das Kind sie selbst findet. Es reicht schon, anstelle der Antwort eine Frage zu stellen und dem Kind die Lösungsfindung zu überlassen. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit den Schlagworten: wahrnehmen, beurteilen, entscheiden.

Was heißt das konkret?

Wir haben sensationelle Erfahrungen damit gemacht, dass ein Kind oder Jugendlicher lernt, den Blick darauf zu richten, was beeinflusst gerade meine Situation. Dass das Kind selbst beurteilt, ob der Baum rutschig ist, und was das für einen selbst bedeutet. Ob es dann hochklettern möchte oder nicht. Wichtig ist immer, die dann von den Kindern und Jugendlichen getroffene Entscheidung ernst zu nehmen.

Der Titel der Fachtagung lautet „Jugendarbeit in Gefahr“. Ist die Situation so dramatisch?

Ich glaube nicht, dass die Jugendarbeit in ihrer Existenz bedroht ist. Aber ich sehe Veränderungen, die die Gesellschaft vor sehr große Probleme stellen. Seit Jahren bekommen wir Rückmeldungen aus der Wirtschaft, die besagen: Die Jugendlichen, die zu uns kommen, können wir nicht gebrauchen. Sie sind nicht selbständig, können keine Verantwortung für sich und andere übernehmen. Es ist eines der Resultate, wenn Menschen ihr Leben lang nicht lernen dürfen, eigene und gute Entscheidungen zu treffen. Nicht die Jugendarbeit ist in Gefahr, sondern die Jugendlichen. Sie leiden zunehmend unter den Verängstigungen von Eltern, Pädagogen und anderen Erwachsenen. 

Wie sollten Pädagogen damit umgehen?

Pädagogik ist immer ein Risiko. Wer nicht bereit ist, Risiken einzugehen, der hat den falschen Job. Kinder müssen es einem wert sein, sich auch mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Und wir müssen uns überlegen, ob all die Regeln, die wir uns geben, sinnvoll und notwendig sind. Oder ob wir uns auch ein bisschen verrannt haben und Regeln lockern müssen.

Was muss sich verändern?

Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft wieder lernt, dass Scheitern keine Katastrophe ist. Dass ein gebrochener Arm nicht den Reflex des Schadensersatzes hervorruft, sondern die Reaktion: Das kann passieren, jetzt habe ich wieder etwas gelernt, beim nächsten Baum weiß ich es besser. Natürlich kann im schlimmsten Fall auch ein folgenreicher Unfall passieren, bei dem ich mich dann lebenslang frage, was hätte ich anders machen können. Aber deutlich gefährlicher lebe ich, wenn ich keine Erfahrungen machen darf, auf die ich später in schwierigen Situationen zurückgreifen kann. Das größte Risiko ist es, Kinder und Jugendliche nicht auf die Herausforderungen und Risiken des Lebens vorzubereiten.