Foto: Inga Rahmsdorf

Der Oberdeichrichter

Magazin Bauwerk

Kalter Wind peitscht von der Nordsee über das flache Land und Alwin Brinkmann den Regen ins Gesicht. Der Ostfriese lässt sich von dem Wetter nicht beeindrucken. Für ihn zählt ein Sturm erst ab Windstärke zehn. „Wenn andere sagen, es stürmt, sagen wir: Ach. Wo denn?“, erklärt er.

Unbeirrt schreitet Brinkmann über die einzige Erhebung weit und breit. Es ist kein kleiner Erdwall, sondern ein Bollwerk. Knapp zehn Meter hoch und 140 Meter breit ist der Deich, der Ostfriesland vom Meer trennt. Gerade Linien und grünes Gras bis zum Horizont. Es ist Brinkmanns Revier. Er ist Oberdeichrichter und damit zuständig für 55 Kilometer Deich. Sein Gebiet, die Deichacht Krummhörn, reicht von Emden bis hinter Greetsiel, immer entlang der Küste. Brinkmann, 72 Jahre, grauer Bart, sonore Stimme, regenfeste Jacke, ist verantwortlich dafür, dass 135.000 Menschen nicht im Wasser stehen. Dass 48.000 Hektar Land nicht vom Meer verschlungen werden.

Küstenschutz ist in Norddeutschland eine gigantische und überlebenswichtige Aufgabe. Seit Jahrhunderten schon ringen die Menschen dem Meer Land ab, errichten Deiche, um sich vor der Naturgewalt des Wassers zu schützen. Allein in Niedersachsen gibt es mehr als 1000 Kilometer Deich. Verheerende Sturmfluten zwangen die Küstenbewohner im Laufe der Zeit, die Schutzbauwerke immer besser und höher zu bauen. Heute greifen dabei Handwerk, Hightech und Wissenschaft eng ineinander. Schafe werden ebenso selbstverständlich zur Pflege der Deiche eingesetzt wie Drohnen, um die Abbruchkanten entlang der Küste zu analysieren. 

Doch die Herausforderungen wachsen. In Niedersachsen leben heute 1,2 Millionen Menschen in sturmflutgefährdeten Gebieten. Die Erderwärmung und der Anstieg der Meeresspiegel könnten dazu führen, dass sich die Wellen in Zukunft noch häufiger und höher erheben. Daher müssen die Deiche erneut verstärkt werden. Für die Kosten kommen Bund und die Länder auf. Niedersachsen hat im Jahr 2018 insgesamt 61,6 Millionen Euro in den Küstenschutz investiert. Für den Bau und den Unterhalt der Deiche sind aber wie seit Jahrhunderten die Bewohner der Küstenregion selbst zuständig. Und ein Oberdeichrichter – in einigen Regionen heißt er auch Deichgraf oder Deichhauptmann – ist so etwas wie ihr höchster Vertreter bei dieser Aufgabe.

Oberdeichrichter Alwin Brinkmann und Frank Rosenberg, Geschäftsführer des Deichverbands Krummhörn. Foto: Inga Rahmsdorf

Der Regen ist stärker geworden, Alwin Brinkmann zieht sich die Kapuze über den Kopf. Zur Seeseite fällt der Deich sanft ab, damit die Wellen daran auslaufen können. Auf der Landseite erhebt sich der Campener Leuchtturm. Die 65 Meter hohe Stahlkonstruktion ist der höchste Leuchtturm Deutschlands. Es ist Ebbe, das Meer ist nur in der Ferne zu erkennen. Doch bei Flut reichen die Wellen hier bis an den Deich. Und bei Sturmflut treffen sie ohne schützendes Vorland ungebremst und mit voller Wucht auf die Küste. Der Deich muss hier um eineinhalb Meter auf 9,90 Meter erhöht werden. Die Höhe bemisst sich an dem höchsten zu erwartenden Sturmflutwasserstand plus dem berechneten Wellenauflauf. Mehr als die Hälfte des Deichs in Brinkmanns Bezirk wurde in den vergangenen zehn Jahren schon verstärkt. Der Rest soll in den nächsten 15 Jahren folgen. Insgesamt etwa 100 Millionen Euro kostet allein die Verstärkung der Deiche im Deichverband Krummhörn.

Für die meisten Nordseeurlauber ist der Deich vor allem ein Naherholungsgebiet. Der grüne Rasen mit den Schafen ein idyllischer Anblick. Wenn Oberdeichrichter Brinkmann über den Deich läuft, erblickt er nicht nur die Weite des Meeres und die krude Schönheit des norddeutschen Landes, sondern auch die vielen Maulwurfshügel und die Löcher der Wühlmäuse im Boden. Die Tunnel und Höhlensysteme der Tiere können den Deich destabilisieren, aushöhlen und im schlimmsten Fall zum Deichbruch führen. 

Es bedarf nicht nur viel Arbeit und Geld, einen Deich zu errichten, sondern auch, ihn beständig zu pflegen. Weil diese Aufgabe längst so groß geworden ist, dass sich nicht mehr jeder Bauer oder Grundbesitzer um einen Abschnitt kümmern kann, übernehmen in Niedersachsen die 22 Deichverbände die Arbeit. Dafür muss aber auch jeder, der im Schutz des Deiches lebt, einen jährlichen Beitrag zahlen. Die Höhe richtet sich nach der Größe des jeweiligen Grundeigentums.

Als Oberdeichrichter ist Brinkmann ehrenamtlich tätig, ebenso wie der gewählte Ausschuss mit 15 Mitgliedern. Für die tägliche Arbeit am Deich beschäftigt der Deichverband Krummhörn acht Mitarbeiter sowie ihren Geschäftsführer Frank Rosenberg. Sie bessern Sturmschäden aus, überwachen Schleusen, ebnen die Maulwurfshügel, pflegen den Rasen, setzen Greifvögel gegen die Wühlmäuse ein. Und sie sammeln den Müll entlang der Küste ein. „Unendlich viel Plastikmüll, der angeschwemmt wird“, sagt Brinkmann. Als einem Frachter im Januar 2019 in der Nordsee Container von Bord rutschten, landete auch viel Treibgut bei ihnen. Da war erst einmal die Aufregung groß. Schließlich haben 200 freiwillige Feuerwehrleute geholfen, die Küste zu säubern. „Die Menschen fühlen sich verantwortlich für ihren Deich“, sagt der Oberdeichrichter. 

Geschäftsführer Rosenberg deutet auf den Fuß des Deiches, an dem abgestorbene Pflanzenreste angeschwemmt wurden. „Den Treibsel müssen wir auch regelmäßig wegräumen.“ Das Treibgut könnte die Grasnarbe des Deiches zerstören. Und dem Rasen gilt hier eine besondere Sorgfalt. Der Deich besteht aus einem Sandkern und einer ein bis eineinhalb Meter dicken Schicht Klei. Das Gras hält alles zusammen. Ist es beschädigt, können Sturmfluten zu Erosionen führen. 

Das Gras zu pflegen ist vor allem Aufgabe der Schafe. In der Region Krummhörn arbeiten 2000 Schafe und vier Schäfer. Mit Sorge beobachtet der Deichverband, dass der Wolf in Deutschland wieder heimisch wird und irgendwann auch nach Ostfriesland vordringen könnte. Aber es gebe auch Hunde, die Schafe reißen, sagt Brinkmann. Und selbst Gänse können den Küstenschutz gefährden, wenn sie sich in Scharen auf dem Rasen niederlassen. „Die fressen den Deich kahl. So etwas haben Sie noch nicht gesehen. Kein Rasenmäher schafft das.“

Mindestens einmal in der Woche fährt er in die Verwaltung des Deichverbands in Pewsum und bespricht sich mit Geschäftsführer und den anderen Mitarbeitern. Auf Plattdeutsch natürlich. Brinkmann ist gebürtiger Ostfriese, als junger Mann hat er auf der Werft in Emden gearbeitet, war dann 25 Jahre SPD-Oberbürgermeister von Emden. Danach einfach in den Ruhestand zu gehen, das war nichts für ihn. So hat er sein Hobby zur Lebensaufgabe gemacht. Der Küstenschutz fasziniert ihn und ist hier auch eine Ehrensache. „Es geht um die Menschen hinterm Deich“, sagt er. 

Auf seinem Schreibtisch stehen kleine Leuchttürme. Es sind Abbilder vom Pilsumer Leuchtturm. „Unser Leuchtturm“, sagt Brinkmann mit Stolz. Das rot-gelb gestreifte Markenzeichen der Region gehört dem Deichverband. „Wir nutzen den Leuchtturm auch für Öffentlichkeitsarbeit. Das ist natürlich ein toller Ort, um über unsere Arbeit zu berichten“, sagt Rosenberg. Außerdem dient er als Trauzimmer. Und Komiker Otto Waalkes hat dort einen Kinofilm gedreht. „Ich bin mit Otto groß geworden, im gleichen Stadtteil“, sagt Brinkmann, „wir haben viel Spaß gehabt.“ In Ostfriesland kennt man sich halt.

Brinkmann muss als Oberdeichrichter nicht täglich am Deich arbeiten. Aber wenn es brenzlig wird, muss er zur Stelle sein. „Die Gefahr gibt es natürlich immer. Dass es trotz aller Pflege Stellen gibt, an denen der Deich nachgibt. Ein paar Tage eine bestimmte Windrichtung, eine bestimmte Windstärke, die richtige Mondkonstellation und das Wasser steht bis zur Deichkrone. Dann ist natürlich Alarmstufe rot.“ Als junger Mann hat er das einmal in Emden erlebt. Als Oberdeichrichter noch nicht: „Muss ich auch nicht haben“, sagt er.

Eigentlich soll der neu erhöhte Deich mindestens für die nächsten 70 Jahre Norddeutschland vor Sturmfluten schützen. Was aber, wenn der Meeresspiegel schneller steigt? Wenn die heute berechnete Deichhöhe nicht mehr ausreicht? „Das große Problem in den nächsten 100 Jahren wird sein, ob die Deichverbände genug Klei haben“, sagt Brinkmann. Irgendwo muss der Schlick schließlich ausgebuddelt werden. Dafür müssen die Verbände Grundstücke besitzen. Und man kann den Deich auch nicht unendlich erhöhen. Irgendwann würde das Bollwerk zu schwer werden. Dann könnte die Erde seitlich wegtreten und der Deich absacken. 

Brinkmann ist kein Panikmacher. „Gemach, gemach“, sagt er. Ja, der Klimawandel sei eine große Herausforderung für den Küstenschutz. Aber dass Ostfriesland bald untergehen würde, das glaubt er nicht. Trotzdem weiß er, dass man sich an der Küste niemals in Sicherheit wiegen darf. „Wir haben alles getan für den Fall X.“ Aber ein Deich könne trotzdem über- oder unterspült werden. Auch ein erhöhter Deich. „Der Unwillen der Nordsee und der Natur – den können wir nicht beherrschen. Die Menschen sind gut beraten, die Natur nicht zu unterschätzen und die Deiche so zu pflegen, dass sie nach heutigen menschlichen Erkenntnissen jeder Sturmflut standhalten.“