Stephanie Strotdrees betreibt einen eigenen Bio-Bauernhof und ist Vize-Präsidentin des Bioland-Verbands. Foto: Inga Rahmsdorf

Wo die Kühe noch Hörner tragen

Süddeutsche Zeitung Wirtschaft

Manchmal kommen angehende Landwirte zu Besuch. Berufsschulklassen, die auch einen Bio-Hof kennenlernen sollen. Skeptisch blicken die jungen Lehrlinge dann auf den Betrieb mit den 42 Milchkühen, 600 Hühnern, einigen Mastbullen und Schweinen. Das sei ja alles schön und gut, sagen sie. Bio, Direktvermarktung und Tiere, die Auslauf haben. Aber wirtschaftlich funktionieren könne so ein Hof nicht, das sei doch eine Museumslandwirtschaft. Diese Vorbehalte hat Stephanie Strotdrees schon häufig gehört.

Der Bioland-Hof Strotdrees liegt im Nordwesten Deutschlands, am Rande des westfälischen Ortes Harsewinkel. Die Region mit den kargen Sandböden ist geprägt von Schweinemastanlagen, Intensivlandwirtschaft und großen Agrarindustrien. Dazwischen betreibt Strotdrees zusammen mit ihrem Mann einen Bauernhof, auf dem die Kühe Hörner tragen, die Rinder nur selbstangebautes Futter fressen und alle Küken überleben dürfen. Trotzdem ist der Hof mit 70 Hektar Land keine romantische Luftnummer.

Ein Donnerstagvormittag im März. Stephanie Strotdrees, 50 Jahre, braune Haare, herzliches Lachen, arbeitet im Hofladen. Sie räumt frisches Fleisch in die Kühltheke und unterhält sich mit zwei Kunden. Durch eine breite Glastür blickt man nach draußen auf eine Holzhütte, in der Besucher an einem Automaten selbst Rohmilch abfüllen können. Die stammt von Kühen, die wenige Meter weiter in einem Stall stehen. Schweine liegen im Stroh, ein Ziegenbock spaziert vorbei. „Ja, wir haben hier einen Bilderbuchbauernhof“, sagt Strotdrees, „und wir leben davon.“ Nicht nur sie und ihr Mann mit ihren fünf Töchtern, sondern auch noch vier Angestellte und zwei Auszubildende. 2018 wurde der Betrieb als bester Bio-Hof Deutschlands ausgezeichnet, das Bundeslandwirtschaftsministerium lobte das vorbildliche und zukunftsfähige Betriebskonzept und die wirtschaftliche Stabilität des Hofes.

Strotdrees ist erst am Abend zuvor auf den Hof zurückgekehrt, von einer Tagung für Bio-Geflügel. Sie propagiert nicht nur auf dem eigenen Hof ökologische Landwirtschaft, sondern ist seit acht Jahren auch Vizepräsidentin des Bioland-Verbands. Ein bundesweiter Zusammenschluss von 7700 Landwirten, Imkern und Winzern sowie 1000 Bäckern, Metzgern und Gastronomen, die sich alle zu strengeren Richtlinien verpflichten, als es die EU-Bio-Verordnung vorschreibt. Strotdrees ist überzeugt davon, dass man als Landwirt nur eine Chance hat, wenn man sich zusammenschließt. Sie setzt sich entschieden gegen Preisdumping in der Landwirtschaft ein und unterstützt trotzdem den Vertrag, den der Bioland-Verband vor wenigen Monaten mit dem Discounter Lidl geschlossen hat, um seine Produkte auch über diesen Vertriebsweg zu vermarkten.

Als Vizepräsidentin hat Strotdrees die Geflügel-Tagung eröffnet, auf Podien mitdiskutiert und Fachvorträge angehört. Spannende Themen, sagt sie. Zum Beispiel die Frage, wie die Bio- Landwirtschaft mit der Geschlechterbestimmung von Küken im Ei umgehen soll. Weil bei der Zucht

von Legehennen Rassen genutzt werden, bei denen kein Bedarf an den männlichen Nachkommen besteht, werden allein in Deutschland jedes Jahr etwa 45 Millionen Küken getötet, auch in Bio- Betrieben. Für ihren eigenen Hof hat Strotdrees eine andere Lösung gefunden. Auf einer Wiese gegenüber vom Hofladen stehen drei mobile Hühnerställe. Die weiblichen Küken wachsen dort zu Legehennen heran, ihre Brüder zu Brathähnchen. Die Tiere der Zweinutzungsrasse dürfen alle überleben, ihre Leistung reicht allerdings nicht an die von Hybridhühnern heran. Wem es ein Anliegen ist, dass Küken nach dem Schlüpfen nicht geschreddert werden, der muss daher auch deutlich mehr für Eier und Fleisch zahlen.

Strotdrees und ihr Mann haben sich für die Direktvermarktung entschieden. Lediglich von ihrer Milch liefern sie einen Großteil an eine Molkerei. Und für die können sie auskömmliche Preise fordern, weil sie in einer Liefergemeinschaft organisiert sind. Mit dem Gras und Getreide, das auf ihren Feldern wächst, füttern sie ihre Tiere. Keine Importe, keine Zukäufe. Ihre Rinder, Schweine und Hähnchen bringen sie zum lokalen Schlachter und verkaufen das gesamte Fleisch ebenso wie die eigenen Eier und Kartoffeln im Hofladen. Der hat, obwohl keine Metropole in der Nähe ist, einen großen und treuen Kundenstamm. Dafür sei der persönliche Kontakt ganz wichtig, sagt Strotdrees. „Und ein Alleinstellungsmerkmal. Eine starke Marke.“ Bei ihnen ist das die Fleischtheke. Die Kunden kommen nicht nur wegen des Bio-Siegels, sondern auch, um gutes Fleisch zu kaufen. Wer im Hofladen ein Rinderfilet kauft, kann sich einige Meter weiter den Stall anschauen, in dem das Tier geboren ist, und hinter dem Hof die Flächen, auf denen es gegrast hat.

Obwohl Strotdrees nicht auf einem Hof aufgewachsen ist, stand ihr Berufswunsch früh fest. Als Jugendliche sah sie die Landwirtschaft, die Grundwasser mit Nitrat verseuchte, die Tiere in enge Käfige pferchte, die Soja verfütterte, dessen Anbau die Abholzung des Regenwaldes vorantrieb. „Ökologische Landwirtschaft erschien mir als der richtige Weg, dem etwas entgegenzusetzen“, sagt sie. Sie verließ das Gymnasium nach der mittleren Reife, machte eine Ausbildung zur Landwirtin, übernahm zusammen mit ihrem Mann vor 30 Jahren den Hof seiner Eltern, und sie stellten ihn auf Bio um. Sie bekamen fünf Töchter. „Wenn wir Hilfe brauchen, sind unsere Töchter bis heute immer mit dabei“, sagt sie. „Das gibt uns sehr viel Kraft.“

Als Strotdrees zur Mittagspause den Hofladen schließt, klingelt ihr Handy. Ein Kollege vom Bioland- Verband. Das Ehrenamt erfordert viel Zeit. Ein bis zwei Stunden am Tag versucht sie, sich dafür aus dem Betrieb zurückzuziehen. Der Austausch mit Kollegen gebe viele Impulse, man unterstütze sich gegenseitig, und es sei schön, nach außen wirken zu können, sagt sie. Im Herbst und Winter fährt Strotdrees fast jede Woche zu Sitzungen und Tagungen. In den meisten Gremien ist sie dabei als Frau immer noch in der Minderheit.

Auch in anderen landwirtschaftlichen Interessensverbänden stehen fast ausschließlich Männer an der Spitze. Selbst in der Bio-Branche. „Beim Bundesdelegiertentreffen vom Bioland-Verband sind weniger als zehn Prozent Frauen“, sagt Strotdrees. „Es ist dringend Zeit, das zu ändern.“ Entmutigen lässt sie sich davon aber nicht.

So wie sie immer zielstrebig ihren Weg verfolgt hat, auch als ihnen anfangs viel Ablehnung begegnete. Als sie 1990 mit ihrem Mann den Hof, der seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie war, auf Bio umstellte, befürchteten ihre Schwiegereltern den Untergang des Betriebs. Die Landwirte in der Region warfen ihnen vor: „Ihr macht uns hier schlecht.“ Das sei auch ein schmerzlicher Prozess gewesen, erinnert sie sich. „Für meinen Schwiegervater waren diese Spannungen mit den Nachbarn schier unerträglich.“ Dass viele konventionelle Bauern Bio-Landwirtschaft als Angriff auf ihre eigene Arbeits- und Lebensweise betrachten, daran habe sich leider bis heute nichts geändert, sagt sie. „Ein Betrieb wird eher aufgegeben, als dass man ihn auf Bio umstellt.“ Bundesweit werden nur knapp zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bewirtschaftet, auch wenn der Anteil langsam steigt.

In der konventionellen Landwirtschaft wird immer noch gelehrt, dass gute Höfe sich an der Hektarzahl messen, an der Milchleistung einer Kuh, an der Größe der Ställe. Je intensiver, je mehr Wachstum, desto besser. Und die Zahlen geben ihnen recht. Vor 20 Jahren gab es knapp 472 000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland. Heute sind es weniger als 275 000. Überlebt haben vor allem die Großen, die noch größer geworden sind. Die Angst um die Existenz des eigenen Hofes ist allgegenwärtig, der Druck auf alle Landwirte groß. Hinzu kommt ihr schlechtes Image. Bienensterben, Massentierhaltung, Nitrat im Wasser – immer wird den Bauern die Schuld gegeben. Gleichzeitig sollen die Lebensmittel möglichst billig sein. „Uns Bio-Landwirten begegnen die Leute meist mit großer Zustimmung“, sagt Strotdrees. Sie ist demnächst zu einer Podiumsdiskussion an einer Universität eingeladen, es geht um die Frage, wie die Landwirtschaft und ihre Gegner sich näherkommen können. „Gegner?“, sagt sie verwundert. „Das ist bei uns gar kein Thema. Eigentlich finden alle Bio gut.“ Doch nur die wenigsten Verbraucher sind auch bereit, angemessene Preise für regionales Bio-Fleisch, Gemüse und Käse zu zahlen.

In den vergangenen Monaten hat Strotdrees besonders viel und kontrovers mit ihren Bioland- Kollegen diskutiert. Es ging um die Frage, ob sie als Verband ihre Produkte auch an Discounter verkaufen dürfen. Sie haben sich schließlich für den Vertrag mit Lidl entschieden und dafür besonders in der Bio-Branche auch viel Kritik geerntet. Die Angst ist groß, dass der Discounter die Preise drückt. Strotdrees verteidigt die Entscheidung. Damit die Ware nicht verramscht werde, habe der Verband seine Bedingungen in einem umfangreichen Vertragswerk mit Lidl geregelt. Außerdem hat er eine eigene Ombudsstelle eingerichtet, bei der sich jeder Bauer anonym beschweren kann, wenn Preisdumping betrieben wird.

„Wir Landwirte sollten selbstbewusster auftreten und uns nicht den Preisvorgaben der Abnehmer ausliefern“, fordert sie. Egal, ob bio oder konventionell. Selbst aktiv die Verhandlungen gestalten, das sei entscheidend. „Sag, dass deine Möhren, deine Schweine, deine Milch nur zu dem von dir festgesetzten Preis vom Hof gehen“, rät sie Kollegen. Es sei doch völlig verrückt, dass Bauern ihre Milch ausliefern, aber erst am Ende des Monats erfahren, wie viel die Molkerei ihnen dafür bezahlt, wie es in vielen Betrieben üblich ist.

Zudem sei der Verkaufsweg über den Discounter nicht neu. „Mehr als 50 Prozent der Bioland- Erzeugnisse sind bereits zuvor schon an große Handelsketten verkauft worden.“ Nur durften die nicht das Bioland-Siegel tragen. „Es gehörte sich nicht für Bio-Bauern, an Discounter zu verkaufen.“ Die Ware wurde also unter strengeren Bio-Richtlinien erzeugt, als auf der Verpackung stand. „Die Alternative wären nur kleine Wege wie der Bio-Fachhandel und Direktvermarktung“, sagt Strotdrees. Dieser Bereich wachse aber zu wenig. „Und wir wollen doch möglichst vielen Landwirten ermöglichen, ihren Hof ökologisch umzustellen.“