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Im Wald ticken die Uhren anders

Magazin Bauwerk

Zwischen seinen Kiefern wirkt Wilhelm Warning klein. Dabei ist der Förster von stattlicher Statur. Die Bäume um ihn herum aber ragen 20 bis 25 Meter in die Höhe. Kerzengerade sind ihre braunen Stämme. Und, nun ja, etwas nackt sehen sie schon aus. Erst ganz oben wachsen einige Äste, an denen grüne Nadeln hängen.

Kiefern haben nicht den allerbesten Ruf. Ihre Wälder werden oft als eintönige Monokulturen bezeichnet. Oder, wie die Menschen in der Region um Warnings Forstrevier auf Plattdeutsch sagen: „Dat bint ja bloß Dannen.“ Frei übersetzt: Um die alten Tannen muss man nun wirklich kein Aufheben machen. Das sieht Förster Warning ganz anders. 

„Die Kiefer ist ein toller Baum, eine wunderbare Holzart“, sagt der 64-Jährige mit ruhiger, etwas rauer Stimme. Dabei war es nicht seine Entscheidung, dass das etwa 1800 Hektar große Forstgebiet ganz im Westen Niedersachsens überwiegend aus Kiefern besteht. Die Bäume standen hier schon lange bevor er geboren wurde. Sogar lange bevor Warnings Eltern und Großeltern gelebt haben. Bis zu 150 Jahre sind sie alt.

Damals gab es hier nur Heidelandschaften und Sanddünen. Nährstoffarme Sandböden, auf denen kaum etwas wuchs. Bis auf Kiefern. Mit viel Aufwand haben die Menschen im 19. Jahrhundert die sandigen Flächen aufgeforstet, um sich vor Sandverwehungen zu schützen. Und ebenso wie sie sich damals an die Gegebenheiten anpassen mussten, die Generationen vor ihnen geschaffen hatten, so ergeht es Warning heute. 

 Der Förster kann zwar Holz einschlagen, Bäume anpflanzen, den Wald durch ständige Pflege verändern. Aber immer nur in kleinen Schritten. Und mit sehr viel Zeit und Geduld. In kaum einem anderen Beruf braucht der Mensch einen so langen Atem. Bei jeder Entscheidung, die Warning fällt, muss er schon Generationen weiterdenken. Die jungen Pflanzen, die er jetzt in die Erde setzt, brauchen Jahrzehnte, bis sie zu stattlichen Bäumen herangewachsen sind. Dann aber werden sie im besten Fall auch in 100 oder 300 Jahre dort noch stehen. Oder sogar noch länger.

 „Wenn wir heute Wälder gründen, müssen wir sie mindestens für die nächsten 100 bis 200 Jahre zukunftssicher machen“, sagt Warning. Er hat schon viele Entwicklungen im Wald erlebt. Seit fast 40 Jahren arbeitet der gebürtige Westfale in dem Beruf. Doch für den Förster wird der Weitblick immer schwieriger. Die Folgen der Klimaerwärmung sind auch in seinem Revier deutlich zu spüren. Die Veränderungen in den vergangenen Jahren seien immens gewesen, sagt er. „Wir können gar nicht mehr abschätzen, wo es hingeht.“

 „Alle Wälder haben seit dem trockenen Sommer 2018 ein enormes Wasserdefizit. Für viele Förster baut sich derzeit eine Katastrophe auf. Stürme, Trockenheit und dann auch noch Probleme wie der Borkenkäfer“, sagt Rainer Städing. Er ist auch ausgebildeter Förster und als Sprecher der Niedersächsischen Landesforsten zuständig für das Forstamt Ankum, das im südlichen Weser-Ems-Bereich insgesamt 12.000 Hektar Wald bewirtschaftet und zu dem auch Warnings Försterei gehört.

Städing ist zu Besuch im Forsthaus, das am Rand von Lingen steht, einer Kleinstadt im Emsland. Direkt vor der Tür beginnt der Wald. Die beiden Männer laden ein zu einem Gang durch den Forst, um seine Besonderheiten zu zeigen, aber auch die Herausforderungen, denen Förster heute gegenüberstehen.

Sie laufen einen breiten Waldweg entlang. Linkerhand wächst undurchdringliches Gestrüpp zwischen den hohen Kiefern, rechterhand sieht es deutlich kahler aus. Man kann zwischen den Bäumen weit hindurchblicken und die hügelige Landschaft erkennen, Überbleibsel der einstigen Wanderdünen. Die Förster verlassen den Weg nach rechts, stapfen über Gräser, zwischen kleinen Sträuchern und hohen Kiefern hindurch.

Vor zwei Jahren hat Warning in diesem Gebiet aufgeräumt. „Kein Kahlschlag“, wie er betont. Für manchen Spaziergänger sieht es allerdings wohl danach aus, wenn ein Harvester durch den Wald fährt und viele Bäume absägt. Und anschließend eine Raupe mit einem Pflug, die einen fast meterbreiten Pflanzstreifen zieht. „Wir müssen ja erst einmal Platz schaffen, damit wir neu darunter pflanzen können“, erklärt Warning.

 Plötzlich bleibt er stehen und beugt sich zu einer kleinen Buche hinunter. Von einem richtigen Baum kann man noch nicht sprechen. Eher von einem zarten Pflänzchen mit wenigen Blättern. Warning hat sie vor zwei Jahren pflanzen lassen. Er verjüngt so den Wald. Das ist eine seiner Aufgaben als Förster und bedeutet in diesem Gebiet, dass er Buchen und Douglasien zwischen die Kiefern setzt.

In den vergangenen 150 Jahren haben die Kiefern schon die Qualität des einst armen Sandbodens verbessert. „Er ist nährstoffreicher geworden, so dass wir nun auch anspruchsvollere Bäume wie Buchen, Douglasien oder Roteichen pflanzen können“, sagt Warning. „Aber ich kann nicht einfach sagen, Eichen finde ich klasse, die pflanze ich an.“ Er muss sich dem Boden und dem Klima anpassen. Gleichzeitig sollen Nadel- und Laubhölzer gemischt werden. Ebenso junge und alte Bäume. Je mehr Mischung, desto stabiler ist der Wald, wenn ihn Käfer, Stürme oder Trockenheit bedrohen. „Oft sieht man erst Jahre später, ob das gut geworden ist, was man gemacht hat.“

 Wenn es nicht bald regnet, wenn der Sommer nicht kühl und feucht wird, dann befürchten die Förster schlimme Folgen für den Wald. Warning zeigt auf die kleine Buche. Am Rand sind die Blätter  braun und trocken. „Die braucht Wasser. Hier unten ist noch etwas grün. Sie könnte es noch schaffen.“ Ohne Regen wird sie diesen Sommer nicht überleben, und so wie dieser Pflanze ergeht es vielen in seinem Revier. Es ist nicht nur die Trockenheit. Mit der Erderwärmung wächst auch die Gefahr, dass schädliche Insekten und Baumkrankheiten sich stärker ausbreiten und die ohnehin schon angegriffenen Bäume weiter schwächen.

Warning wirkt, als könne ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Doch wenn er anfängt, von den Käfern zu sprechen, von denen immer mehr durch seinen Wald krabbeln, dann klingt auch der erfahrene Förster ziemlich ratlos. Der Borkenkäfer hat sich im vergangenen Jahr explosionsartig vermehrt. Auch der große braune Rüsselkäfer knabbert vermehrt an der Rinde der jungen Bäume. Das hat der Käfer zwar auch in den vergangenen Jahrzehnten schon gemacht. Aber nicht in dem Ausmaß. Immer häufiger sterben so die jungen Bäume ab. Und dann ist da noch die Lärchenminiermotte. Sie frisst die Nadeln an, so dass sich in einigen Gebieten bereits ganze Lärchenbestände braun verfärbt haben. „Das habe so ich noch nie erlebt“, sagt Warning.

 Wälder sind komplexe Ökosysteme. Für viele Städter sind sie Sinnbild urwüchsiger Natur und sollen gleichzeitig der Naherholung dienen. Die Forstwirte müssen allerdings ökologische mit wirtschaftlichen Zielen vereinbaren. Die Wälder sollen Holz liefern, der Umsatz muss stimmen. „Wir müssen eine schwarze Null schreiben“, sagt Städing.

Und während die Aufgaben für die Förster steigen, seien in den vergangenen Jahren immer mehr Stellen abgebaut worden. „Personell sind wir so eng besetzt, dass der Normalbetrieb gerade eben noch zu schaffen ist,“ sagt Städing. In den nächsten Jahren gehen zudem viele Förster in Rente. Schon jetzt sei es in manchen Revieren schwierig, den Posten neu zu besetzen.

 Dann führt Warning einen Kilometer weiter nach Osten in einen anderen Waldabschnitt. Auch dort hat er den Wald bereits verjüngt. Allerdings wurden die jungen Roteichen nicht mit der Hand in die Erde gesetzt, wie sonst üblich, sondern mit einem Bagger. Anfangs war der Förster skeptisch, ob die Pflanzung mit Maschinen richtig ist. Doch mittlerweile ist er begeistert. Es kostet zwar mehr Geld, aber die Roteichen waren bei der Pflanzung viel größer, und konnten viel tiefer in die Erde gesetzt werden. Dadurch sind sie nicht so anfällig für Trockenheit, Wildverbiss und konkurrierende Pflanzen und haben höhere Überlebenschancen.

 Die Arbeit des Försters ist ein ständiges Weiterentwickeln und Ausprobieren. Alle zehn Jahre wird im Wald Inventur gemacht. Was steht im Wald? Wie soll der Wald sich in Zukunft entwickeln, für kommende Generationen? Und was muss dafür konkret in den nächsten zehn Jahren geschehen. Aus diesen Daten, Prognosen und Zielen wird eine Art Masterplan entwickelt. Der setzt die Aufgaben fest, die der Förster innerhalb der nächsten zehn Jahre in seinem Revier umsetzen muss.

 Die bürokratischen Anforderungen seien in den vergangenen vier Jahrzehnten stark gestiegen, sagt Warning. Trotzdem hat er es nie bereut, Förster geworden zu sein. „Ich möchte mit niemandem tauschen. Ich bin eigentlich jeden Tag im Wald“, sagt er.

Und in den Ferien, macht ein Förster Urlaub fern des Waldes? „Nein“, sagt Warning. „Schwarzwald, Bayerischer Wald, Fichtelgebirge.“ Zwei Kriterien sind dabei entscheidend für ihn: Wald und die Nähe einer Eissporthalle. Denn wenn der Förster nicht durch den Forst streift, hält er sich am liebsten in Eissporthallen auf, feuert den Eishockey Club Nordhorn oder den EV Landshut an. Deren Spiele will er nach seiner Zeit als Förster noch öfter anschauen. Nicht einmal zwei Jahre bleiben ihm noch, bevor er in Rente geht. Das ist keine lange Zeitspanne, wenn man in Wald-Generationen denkt.