Corona-Kolumne

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Eine Geburt lässt sich nicht verschieben

Der Vormittag beginnt wie jeder andere in diesen Wochen. Erfolglose Versuche zwischen tobenden Kindern im Homeoffice zu arbeiten. Da klingelt das Handy. Es ist der werdende Vater. Die Wehen haben eingesetzt, sagt er. Und dass sie in der Klinik wieder weggeschickt wurden. Er und seine Frau kommen aus Afrika, sie leben noch nicht lange in Deutschland und erwarten ihr erstes Kind. In den vergangenen Wochen hatten sie einige Male um Begleitung gebeten, zum Übersetzen beim Frauenarzt und bei der Kreißsaal-Besichtigung. Doch das war alles vor Corona gewesen.

„Kannst du bitte kommen?“ fragt er. „Aber das geht doch nicht. Niemand darf mit ins Krankenhaus.“ Kaum ein Ort ist derzeit so gut abgesichert wie eine Klinik. Zu hoch ist gerade dort das Infektionsrisiko. Mancherorts darf noch nicht einmal der Partner mit in den Kreißsaal. Verständlich, dass die Corona-Pandemie werdende Eltern zusätzlich verunsichert. Wenn man sich dann noch nicht einmal verständigen kann, das Gesundheitssystem einem fremd ist und die eigene Familie tausende Kilometer entfernt lebt, muss man sich ziemlich verloren fühlen. „Kannst Du bitte kommen?“ fragt er erneut.

Also wenigstens ein kurzes Treffen vor dem Klinikeingang. Natürlich mit Abstand. „Bin in 20 Minuten zurück“, so die Ansage im Homeoffice. Vor der Klinik sind Zelte aufgebaut. Überall Schilder mit Hinweisen und Vorsichtsregeln. Die werdende Mutter sitzt auf einem Stuhl im Eingang. Sie hat Schmerzen und Angst. Hinter einem Absperrband steht eine Frau in Schutzkleidung. „Was wollen Sie hier?“ fragt sie nervös. „Nein, nein, ich will nicht in die Klinik. Nur kurz hier im Eingang unterhalten. Die werdende Mutter spricht kein Deutsch.“ Die Frau telefoniert kurz, dann nickt sie freundlich: „Sie können mit in den Kreißsaal gehen“. 

Wir laufen zu dritt durch die menschleeren Klinikgänge. Drücken mit dem Ellenbogen auf den Klingelknopf vor dem Kreißsaal. Hände noch einmal unter das Desinfektionsspray. Sechs Wochen ist es her, da standen wir hier mit etwa 30 werdenden Eltern dicht an dicht zur Besichtigung. Eine Hebamme öffnet. Sie trägt Mundschutz. Wie alle ihre Kolleginnen. Ihre Arbeit geht weiter. Eine Geburt lässt sich nicht verschieben. Auch in Krisenzeiten werden Menschen geboren. 

So verbringen wir die nächsten Stunden gemeinsam im Kreißsaal. Im Mittelpunkt zwei Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, die ihr Leben riskiert haben, um in Sicherheit leben zu können und die nun, eine neue Familie gründen. Nach wenigen Minuten ist der Vorsatz, Abstand zu halten, vergessen. Nach einigen Stunden fällt auch der Mundschutz der Hebammen kaum noch auf. Und gegen Abend hat man sogar vergessen, dass draußen die Corona-Pandemie derzeit die Welt auf den Kopf stellt. Was gibt es gegenwärtigeres als eine Geburt. Um Mitternacht ist Ismael da. Ein gesunder, kleiner Mensch.