Foto: Inra

Die letzten Schweine

Die Sachensucherin, Klartext Verlag, Essen

Die alte Frau fegt den Asphaltplatz, der zwischen Wohnhaus und Schweinestall liegt. Über ihr ziehen sich schwere Wolken zusammen, die auf das platte, einsame Land drücken. Ihr Mann schraubt an einem Anhänger herum. Ich bleibe am Zaun stehen. Die Alte blickt kurz auf, wiegt langsam den Kopf hin und her, dann fegt sie weiter. Sie ist klein, trägt eine Kittelschürze über dem Rock, ihre Bewegungen sind langsam, aber energisch. 

Ich kicke mit dem Fuß eine Kartoffel in den Graben, sie versinkt im Wasser, kleine Luftblasen bilden sich an der schimmernden Oberfläche. Entlang der Straßenränder liegen Kartoffeln wie anderswo das Laub. 

Es sieht aus, als würde es bald regnen, sage ich.

Sie hält beim Fegen inne, stützt sich auf den Besen, dankbar für den Vorwand einer Pause.

Es liegt etwas in der Luft, sagt sie. Sie sind nicht von hier, oder?

Meine Großeltern haben hier gelebt, sage ich. Als Kind war ich in den Ferien oft bei ihnen.

Er hat zugehört und legt den Schraubenschlüssel beiseite.

Kommen Sie, wollen Sie sich nicht unseren Schweinestall angucken, fragt er. 

Und ich komme und staune. Eine gewaltig lange Halle voll stinkender, schreiender Schweine, dazwischen süße Ferkel, alles künftige Koteletts. Sein ganzer Stolz. 

Ach, kommen Sie, wollen Sie nicht einen Tee mit uns trinken, fragt sie. 

Und ich komme und setze mich an den Küchentisch. Drei Becher stehen auf dem Wachstuch. Eine dicke Fliege sitzt auf einem Laib Brot, sie hebt ab, dreht eine Runde, landet auf dem Rand des Teebechers. Er spricht über Kartoffelernte, Kartoffelstärke, Kartoffelpreise. Die Fliege hebt ab, sie füllt die langen Pausen zwischen den Sätzen mit ihrem Summen. Ab und an schreit ein Schwein. Die Zeit verrinnt zäh, die Worte sind schwer, finden sich nur langsam zu Sätzen zusammen. Das macht nichts, es braucht nicht viele von ihnen. 

Ich nippe an meinem Tee. 

Er erzählt von all den Formularen, die er ausfüllen muss, von der Zeit am Schreibtisch, für die er eigentlich keine Zeit hat. Die Fliege landet auf der Lampe. Neben der Lampe baumelt ein Fliegenfänger von der Decke hinab, auf der goldgelben Leimschicht kleben dicht an dicht dicke schwarze Punkte, tote Fliegen. Doch diese Fliege macht einen Bogen um den Fliegenfänger. 

Die Alte schweigt und schenkt Tee nach. Vielleicht Biogas, sagt er. Der Nachbar macht auch schon in Biogas. Dabei hatte er doch immer schon Schweine. Schon sein Vater hatte Schweine, aber Schweine lohnen sich nicht mehr. Sie machen Arbeit und sind nicht zuverlässig auf dem Markt. Aber ohne Schweine? Schweigen.

Die Fliege hebt ab, dreht eine Runde um den Fliegenfänger, landet neben dem Becher. Da holt die Alte aus und schlägt zu. Ganz gezielt, einmal. Das Wachstuch dämpft nicht, die Handfläche knallt mit voller Wucht auf die Tischplatte. Sie hebt die Hand, die Fliege zuckt noch einmal, dann bleibt sie bewegungslos liegen. Für einen Augenblick erscheint ein unverhohlenes Lächeln um den Mundwinkel der Alten. Und ist gleich wieder verschwunden. Mit der Handkante fegt sie die tote Fliege vom Tisch. Dann liegen ihre gefalteten Hände wieder auf der Tischplatte. Als wäre nichts gewesen. 

Auf Biogas kannst du dich verlassen, sagt er. Auf Schweine nicht. Er steht auf und verlässt den Raum. 

Der Tee ist lauwarm, aber er schmeckt noch. Sie schenkt nach und spricht. Erst nur zögernd, doch nach und nach gewinnt ihre Stimme an Zutrauen. Von dem Brandstifter im Dorf. Sieben Scheunen hat er angesteckt. Dann haben sie ihn gepackt. Es war einer von der freiwilligen Feuerwehr, ein junger Mann aus dem Dorf. Ein Schulkamerad ihres Sohnes. Sie macht eine Pause, entfaltet die Hände, faltet sie wieder zusammen. Der Sohn ist weg. Er wollte den Hof nicht übernehmen. Kein Interesse, die jungen Leuten. Sie blickt auf den Tisch vor sich, auf die Stelle, auf der gerade noch die tote Fliege lag. Der Sohn wollte nicht jeden Tag früh aufstehen und schuften, wie die Eltern. Sie kann das ja auch verstehen. Aber wie soll ein Vater das verstehen?

Jetzt macht der Sohn etwas mit Versicherungen. Den ganzen Tag im Büro. Er kommt nur noch ganz selten. Plötzlich steht sie auf und verlässt die Küche. Zur Toilette, denke ich und trinke einen Schluck Tee. Und noch einen. Es ist ganz still, kein Summen einer Fliege, kein Schwein ist zu hören. 

Die Zeit verstreicht, erst langsam, dann gar nicht mehr. Die beiden Alten kommen nicht wieder. Draußen ist es dunkel geworden. In der Fensterscheibe spiegelt sich der Tisch, die Lampe, der Fliegenfänger, die drei Becher. Eine Holzdiele knarrt irgendwo. 

Sie sind schlafen gegangen, denke ich. Ich stehe auf, stelle den Becher in die Spüle, dann nehme ich ihn wieder heraus, spüle ihn mit warmem Wasser aus und stelle ihn neben das Becken. Ich schalte das Licht aus, ziehe die Tür leise hinter mir zu und gehe langsam die dunkle Straße entlang. Es regnet. Nach wenigen Schritten ist das Wasser durch meine Jacke gedrungen, ich spüre erst die Nässe auf der Haut, dann die Kälte. In der Ferne erkenne ich die Lichter des nächsten Ortes.  

Veröffentlicht in „Die Sachensucherin“, Klartext Verlag, Essen 2015; Preisträgerin des Kurzgeschichtenwettbewerbs „Geschichten zum Mitnehmen“